Hand aufs Herz.
Wir sagen das, wenn es ernst wird, wenn wir für etwas einstehen. Dass wir dafür ausgerechnet Hand und Herz zusammenbringen, ist kein sprachlicher Zufall. In beiden liegt vieles, was den Menschen von der Maschine unterscheidet. Letztes Wochenende, auf der Tagung „Gott und Mensch im Kosmos der KI“ der Evangelischen Akademie Tutzing, begegnete mir dieses Motiv immer wieder in verschiedenen Tönen und Zwischentönen. Irgendwann verbanden sich diese einzelnen Gedankenimpulse zu einem roten Faden.
Die Hand.
Die Hand gilt in der humanoiden Robotik bis heute als das am schwersten nachzubauende Organ: ihre Sensorik, ihr fein abgestimmtes Können. Das ist mehr als ein technisches Detail, darin liegt eine ganze Anthropologie: Mit der Hand greifen wir nach der Welt, und wer greift, beginnt zu begreifen. Ein Sprachmodell rechnet in Zeichen, ohne je etwas sinnlich erfasst zu haben. Es bleibt in sich verschlossen, solipsistisch, ohne leibliche Vernunft. In der Symbolverarbeitung ist es überlegen, in der natürlichen Welt aber könnte es allein nicht überleben.
Das Herz.
Der Weg von der Hand zum Herz führt uns weiter über die Sprache: Etwas berührt mich, ich nehme es mir zu Herzen. Beides beginnt als körperliche Geste und meint doch etwas, das tiefer sitzt. Denn das Herz steht für das, was die Hand allein nicht erreicht: für Empathie, für das Vermögen, einen anderen Menschen nicht nur zu verstehen, sondern ihm zugewandt zu sein. Berühren und berührt werden sind zwei Bewegungen, und erst wenn beide geschehen, entsteht Kontakt. Eine KI kann das Bedürfnis bedienen, sich verstanden zu fühlen. Doch sie ist niemandem zugewandt: Sie füllt die eine Hälfte und lässt die andere leer.
Der Anfang.
Und sich ein Herz fassen heißt, allen Mut zusammenzunehmen, um etwas zu wagen, vielleicht einen Neuanfang. Hannah Arendt nennt diese Fähigkeit Natalität: die Möglichkeit, mit einer Handlung etwas zu beginnen, das nicht vollständig aus dem Vorherigen ableitbar ist, also außerhalb jedes Rechenmodells liegt. Ein Sprachmodell heutiger Bauart extrapoliert: Es schreibt das Vorhandene fort und errechnet aus dem Bestehenden das Wahrscheinliche. Aber ein Anfang im arendtschen Sinn ist nicht nur neuartiger Output. Er ist ein Wagnis in der Welt, eine Handlung, die jemand beginnt und für die jemand einsteht.
Darin liegt eine stille Ironie. Indem der Mensch den humanoiden, künstlich intelligenten Roboter erschafft, setzt er selbst einen Anfang. Sein Geschöpf aber, erschaffen ganz nach seinem Ebenbild, trägt die Fähigkeit anzufangen nicht.
Diese Fähigkeit gehört dem Geborenen, nicht dem Gemachten.
Der Dreiklang.
Hand, Herz und Anfang — das sind, mit Hannah Arendt, drei Weisen, in der Welt zu sein: bei den Dingen (Weltlichkeit), bei den anderen (Pluralität), am Beginn von etwas Neuem (Natalität).
In unserer Sprache tragen Hand, Herz und Anfang mehr als ihre Funktion. Die Maschine kann ihre Bedeutungen verarbeiten. Bewohnen kann sie sie nicht.
Vielleicht ist das die nüchternste Antwort auf die Frage, was vom Menschen bleibt, wenn die Maschine im Rechnen längst vorn liegt: das Geborensein.
Und mit ihm die Hand, die nach der Welt greift, und das Herz, das sie an sich heranlässt.
Hand aufs Herz — die Geste bedeutet etwas, weil da jemand ist, der sie bewohnen kann.